Orgelmusik der Klassik

„Sonaten, Variationen, Rondos und Cantabiles“

Bühler, Gherardeschi, Knecht, Lasceux, Valeri, Vogt, etc. – zu Lebzeiten waren sie hochgeschätzte Orgelvirtuosen und Komponisten, heute sind sie weitgehend in Vergessenheit geraten. In einem Literaturkurs der Aargauischen Kirchenmusikverbände wurde ihre Musik wieder zum Leben erweckt. Der Kurs fand am 25. August 2018 in der Kirche St. Antonius in Wildegg statt. Diese Seite bietet eine Zusammenfassung, zudem wird hier das Kursmaterial publiziert und auf Komponistenporträts verwiesen.

s. a. Komponisten Ende 18. / Anfang 19. Jahrhundert

Im Kurs wurde Orgelmusik «in der galanten Schreibart» aus Deutschland, Frankreich, England, Italien und Spanien vorgestellt. Sie weist stilistische Merkmale der Musik der Wiener Klassik auf, insbesondere der grossen Komponisten Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart.

Die aus der Barockzeit überlieferten Formen der Präludien und Fugen, sowie der Choralvorspiele sind in der Zeit der Klassik ebenfalls weit verbreitet (Albrechtsberger, Rinck etc.). Diese Werke im traditionellen Kirchenstil sind nicht Gegenstand des Kurses.

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Kursunterlagen zur Orgelmusik der Klassik

 


Orgelmusik im Einflussbereich der Wiener Klassik

Das grosse Vakuum

Mozart und die anderen berühmten Komponisten der Klassik haben uns leider keine Orgelwerke für den gottesdienstlichen Gebrauch hinterlassen, einzig Michael Haydn veröffentlichte eine Sammlung von kurzen Versetten. Die Orgelmusik hatte in der Wiener und Salzburger Kirchenmusik nebst dem Chorgesang eine untergeordnete Bedeutung. In Deutschland und Frankreich verlor die gesamte Kirchenmusik durch die fortschreitende Säkularisierung an Bedeutung. In Italien und England war die Wertschätzung der Kirchenmusik und somit auch der Orgelmusik etwas höher.

Was überall galt: Aus wirtschaftlichen Gründen produzierten die «grossen» Komponisten lieber Werke für den Konzertsaal und die Oper. Mit anspruchsvollen Orgelkompositionen konnte man kein Geld verdienen, es gab keine Auftraggeber dafür.

Orgelwerke wurden hauptsächlich von Kleinmeistern und eifrigen Pädagogen veröffentlicht. Vieles, was für Unterricht und Gottesdient publiziert wurde, war nicht besonders originell und oft in einem altertümlichen Kirchenstil gehalten.

Stücke für Musikautomaten und Solokonzerte

Sowohl Mozart wie auch Beethoven waren aktive Organisten. Mozart spielte auf seinen Reisen überall die Orgel, wenn es sich ergab. Die überlieferten «Orgelwerke» von Haydn, Mozart und Beethoven wurden für Musikautomaten komponiert. Die Flötenuhr-Stücke von Joseph Haydn sind sehr reizvoll und gut «von Hand» zu spielen, aber leider sehr kurz, was ihre praktische Anwendung einschränkt. Wolfgang Amadeus Mozarts Werke für mechanische Instrumente sind für Menschen schwierig zu spielen. Auch Carl Philipp Emanuel Bach, Leopold Mozart, Beethoven und Cherubini haben Stücke für Automaten komponiert, diese sind einfacher auf der Orgel zu spielen. Nebst der fehlenden Sololiteratur gibt es von Haydn immerhin die Orgelkonzerte und von Mozart Kirchensonaten mit obligatem Orgelpart.

Wer solistisch Mozart, Haydn oder Beethoven spielen will, muss also auf Bearbeitungen ausweichen. Dazu eignen sich auch viele frühe Klavierstücke der Meister oder Bearbeitungen von Kammermusik- und Orchesterwerken. Ein gelungenes Beispiel ist die CD «Beethoven Organ Perspectives» von Maria-Magdalena Kaczor.

Ein ausführlicher Artikel über Mozart und die Orgel findet sich bei ORGANpromotion:
https://organpromotion.de/de/artikel/142-mozart-und-die-orgel

Ein Artikel über Haydns Orgelkompositionen:
https://www.dolcerisonanza.at/cd-projekte/concerti_per_l_organo/

Etwas über die Orgelwerke Beethovens (englisch):
https://weldon.whipple.org/beethoven/

Orgelkomponisten der Klassik

In der Orgelliteratur der Klassik gibt es eine grosse stilistische Breite: Vom konservativen Kirchenstil über den modernen, galanten Stil bis zum mondänen Operettenstil. In der frühklassischen Periode ist die Abgrenzung zur Klavier-/Cembalomusik noch unscharf. In der Klassik entwickelten sich die Orgelmusik und die Klaviermusik eigenständig.

Carl Philipp Emanuel Bach hat mit seinen sechs Sonaten bereits um 1755 einen neuen Orgelstil «gefunden», der sich stark an seine Klavier- bzw. Cembalomusik anlehnt. Da es sich bei diesen Sonaten ausdrücklich nicht um Kirchenmusik handelte, blieben sie ohne Einfluss auf die folgende Organisten-Generationen. Der typisch «galante» Stil der Wiener Klassik ist in der Orgelmusik erst später und hauptsächlich in Norditalien und Bayern anzutreffen. Folgende Tabelle nennt die wichtigsten Komponisten von Orgelmusik und ihre Vorbilder ab Mitte des 18. Jahrhunderts.

  1750–1790 (Spätbarock, Frühklassik) ab 1790 (Klassik, Frühromantik)
Italien,
Spanien
Domenico Scarlatti
Domenico Zippoli
Baldassare Galuppi
Ignazio Cirri
Padre Martini
Andrea Luchesi
Giuseppe Gherardeschi
Gaetano Valeri
José Lidon
England William Boyce
John Stanley
William Walond
John Bennett
Samuel Wesley
William Russell
Deutschland Carl Philipp Emanuel Bach
Johann Ludwig Krebs
Gottfried August Homilius
Justin Heinrich Knecht
Theodor Grünberger
Christian Heinrich Rinck
Martin Vogt
Tschechien
Österreich
Josef Seger
František Xaver Brixi
Johann Georg Albrechtsberger
Johann Baptist Vanhal
Simon Sechter
Frankreich Michel Corrette
Claude Balbastre
Guillaume Lasceux
Alexandre Pierre François Boëly
François Benoist

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Notenausgaben Orgelmusik der Klassik – Stand September 2018

 

Kontrapunkt und Choral vs. Galanterie

In dieser Literaturschau werden hauptsächlich Komponisten berücksichtigt, die Orgelmusik unter dem Einfluss der Wiener Klassik komponiert haben und sich damit stilistisch abseits des traditionellen Kirchenstils bewegten. Bei den vorgestellten Werken handelt es sich um verschiedene Formen von Sonaten, häufig sind auch Variationen, Rondos und Cantabiles. Einige Werke wurden ausdrücklich für die liturgische Verwendung geschrieben (Versetten, Offertorien).

Das Geburtsjahr der meisten Komponisten liegt zwischen 1740 und 1780. Die Entstehungszeit der Kompositionen liegt zwischen 1780 und 1840. Die ältesten Komponisten sind also Zeitgenossen von Joseph Haydn, die jüngsten Zeitgenossen von Beethoven und Schubert.

Italien

In der italienischen Orgelmusik sind Einflüsse der Cembalosonaten Scarlattis und der Opernmusik feststellbar. Einige italienischen Kirchenmusiker hatten auch Kontakt mit Mozart während dessen Italienreisen. Die wichtigsten Formen sind einsätzige Sonaten und Sinfonien, Versetten, Elevationen und andere Stücke für die Liturgie. Es wurden gerne auch Märsche und bekannte Opernmelodien gespielt. Martin Vogt bezeichnete die Situation in Norditalien als ein «italienisches Opernspiel in der Kirche».

Bayern und Österreich

Aus Süddeutschland sind uns hauptsächlich die Orgelmessen von Theodor Grünberger und die galanten Stücke von Justin Heinrich Knecht und Franz Bühler überliefert. Sonaten im italienischen Stil finden sich nur bei Johann Melchior Dreyer. In Wien und in ganz Österreich dominierte der traditionelle kontrapunktische Kirchenstil wie ihn Johann Georg Albrechtsberger und später Simon Sechter pflegten und unterrichteten. Das Generalbassspiel und die (improvisierte) Fuge waren das A und das O der Organistenpraxis. Die Entwicklungen in der vokalen Kirchenmusik (Messen von Haydn, Mozart) fanden in der publizierten Orgelmusik hauptsächlich in den Werken Martin Vogts einen Niederschlag. Seine Kompositionen wurden in der Schweiz und im Elsass verlegt, seine stilistische Heimat ist Salzburg.

Mitteldeutschland

In den reformierten Gegenden Deutschlands herrschte der von der Bachverehrung geprägte Stil mit Präludien, Fugen und Choralbearbeitungen vor. Wichtige klassische Vorläufer dieser Linie waren die Bachschüler Krebs, Homilius und Kittel. Kittel prägte diese Tradition als einflussreicher Lehrer am stärksten. Zu seinen Schülern zählten Karl Gottlieb Umbreit, Christian Heinrich Rinck und Michael Gotthard Fischer. Letzterer wurde Kittels Nachfolger in Erfurt. Rinck führte die Tradition in den meisten seiner Werke weiter und veröffentlichte Hunderte von Orgelstücken für den «Dorforganisten». Es gibt allerdings einige Werke, in denen Rinck aus dem kontrapunktischen Korsett ausbricht und sich von einer galanten Seite zeigt: zB in den Variationen über ein Thema von Corelli, den Variationen über «Ah vous dirai-je, Maman» oder im «Flötenkonzert» aus dem 5. Band der Orgelschule. Überhaupt sind einige der interessantesten Werke Rincks in den letzten beiden Bänden seiner Orgelschule zu finden.

England

In England beobachten wir eine kontinuierliche Entwicklung der Orgelmusik von Boyce, Stanley, Walond und Bennet hin zu Samuel Wesley und William Russell. Sie fand ihre Fortsetzung in den Werken von Thomas Adams und den ersten Romantikern. Samuel Wesley erweiterte die 2-sätzige Form des Voluntary auf 3 bis 4 Sätze. Ausserdem war er ein Meister der Variationen. Er war wie Boëly ein grosser Verehrer Bachs, kannte aber auch die Musik der Wiener Klassiker.

Frankreich

In Paris endete die berühmte Barocktradition mit Claude Daquin. Es folgten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch Michel Corrette, Nicolas Séjan und Guillaume Lasceux. In deren Kompositionen mischen sich frühklassische Stilelemente mit dem traditionellen Barockstil. Um 1800 kam die Pariser Kirchenmusik im Zuge der Revolution komplett zum Stillstehen. Lasceux versuchte ab 1810 mit grossem Fleiss eine Neuorientierung der Orgelmusik durch Einbezug klassischer Sonatenform und «galanter» Schreibart. Seine späten Werke wirken allerdings schulmeisterlich und wenig inspiriert.

Erst Alexandre Pierre François Boëly gelang es, unter dem Einfluss der Musik Bachs, Mozarts und Mendelssohns, wieder bedeutende Orgelwerke zu komponieren. Die Stilelemente der Klassik finden sich in der französischen Orgelmusik mit einiger Verspätung. Auch in Paris hielt die Unterhaltungs- und Opernmusik Einzug in der Kirche, wie Vogt es beschreibt: «… man will … in ganz Frankreich auf der Orgel nichts als Märsche, Tänze und Stücke aus Opern hören.» Vor allem Boëly litt unter dem Einfluss des opernhaften Stils, er setzte sich vehement für eine würdige Kirchenmusik und einen Ausbau der Pedalwerke ein, um die Musik von Bach spielen zu können. François Benoist, langjähriger Orgellehrer am Conservatoire, folgte ihm als Wegbereiter in die Romantik. Benoists frühe Werke sind noch deutlich von der klassischen Epoche geprägt.