Zur Geschichte des Orgelbaus und der Orgelmusik in Brasilien

Der Schwerpunkt Brasilien umfasst:

  1. Beiträge über einzelne Komponisten
  2. Orgelwerke brasilianischer Komponist:innen
  3. Geschichte des Orgelbaus und der Kirchenmusik in Brasilien (diese Seite)
  4. Komponisten vokaler Kirchenmusik

Die Einführung der Orgel in Brasilien erfolgte bereits in der Anfangszeit der portugiesischen Kolonisation. Es ist überliefert, dass die Jesuiten in ihrer Missionsarbeit verschiedene Musikinstrumente benutzten und unterrichteten, darunter auch kleine transportable Orgeln (Portativos), wie sie schon im Mittelalter bei Prozessionen verwendet wurden.

In der Barockzeit und der Klassik gab es eine Hochblüte der klassischen Kirchenmusik hauptsächlich im Bundesstaat Minas Gerais. Die Entdeckung von Gold und Edelsteinen in Minas Gerais führte zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung und zog auch zahlreiche Musiker an.

Im 18. Jahrhundert wurden viele Orgeln aus Europa importiert. Diese Instrumente litten allerdings unter dem tropischen Klima und wurden oft von Termiten und anderen Insekten befallen. Erst nach und nach entwickelte sich der einheimische Orgelbau und man versuchte robustere Instrumente zu bauen durch die Verwendung von einheimischen Hölzern, z. B. hochwertigem Zedernholz aus Minas Gerais.

Die wichtigsten Zentren, in denen sich der einheimische Orgelbau entwickelte, waren Bahia, Pernambuco und Minas Gerais. In Pernambuco war der bekannteste Orgelbauer Agostinho Rodrigues Leite, der ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Orgeln in Olinda, Recife, Salvador und sogar in Rio de Janeiro baute.

Die Schnitger-Orgel in Mariana (Beitragsbild)

Das bekannteste historische Instrument ist die Orgel in der Kathedrale von Mariana, einer Stadt im Hochland von Minas Gerais. Das Instrument wurde 1752 von Portugal nach Brasilien verschifft und in Mariana aufgebaut. Möglicherweise handelt es sich um eine der beiden Orgeln, die Arp Schnitger 1701 nach Portugal geliefert hatte. Eine ähnliche Orgel steht heute noch in der portugiesischen Stadt Faro.

Im 19. Jahrhundert wurde die Orgel in Mariana stark verändert (Zungen entfernt, Bälge und Klaviaturen ersetzt). Später wurde sie nicht mehr gepflegt und war lange Zeit unspielbar. Ab 1977 erfolgte eine Instandstellung durch den Hamburger Orgelbauer Rudolf von Beckerath. Eine zweite Restaurierung nach historischem Vorbild von 1753 erfolgte im Jahr 2001 durch Bernhardt Edskes. [de.wikipedia.org]

Der Unterhalt der Instrumente war vielerorts mangelhaft, funktionstüchtige Orgeln wurden immer seltener, anstelle der Orgel wurde zur Begleitung der Vokalmusik oft das Cembalo verwendet.

Im 19. Jahrhundert gab es kaum noch Orgelbauer in Brasilien. Es wurden Orgeln aus Europa importiert, hauptsächlich aus England, Frankreich und Deutschland. Viele Instrumente wurden von den anglikanischen Kirchen in den grösseren Städten erworben, einige auch von katholischen Kirchen. Es waren meist kleinere und mittelgrosse Instrumente, teils ohne eigenständige Pedalregister, für die grossen Kirchen oft unterdimensioniert. Es sind aus dieser Zeit nur wenige Instrumente der berühmten Orgelbauer (Cavaillé-Coll, Klais, Sauer, Merklin) erhalten, viele in einem schlechten Zustand.

Das beginnende 20. Jahrhundert war geprägt von urbaner Entwicklung und Industrialisierung, begünstigt durch drei Faktoren: der Abschaffung der Sklaverei, der Konzentration des Einkommens vor allem in der Kaffeeanbauregion São Paulo und der Förderung der Einwanderung europäischer Arbeitskräfte. In São Paulo waren es hauptsächlich Italiener, in Rio de Janeiro Deutsche. Wie in anderen lateinamerikanischen Ländern, leisteten die Deutschen einen bedeutenden Beitrag zur musikalischen Entwicklung. In Rio gab es eine Liedertafel, eine Musikgesellschaft und nicht weniger als drei oder vier deutsche Musikkapellen, die sich „Deutsche Musikvereinigung“ nannten. Die Einwanderer waren für die Einführung neuer Musikstile und -geschmäcker verantwortlich. In den Kirchen durfte die Orgel nicht fehlen, die sie aus ihrer Heimat in Europa gewohnt waren. Allerdings waren die notwendigen Mittel für den Orgelbau an vielen Orten nicht vorhanden.

In den grossen Städten gab es daher auch regelmässig Messen mit opernhaftem Charakter, gespielt von grossen Orchestern und Solisten und Chören. Gemäss den Vorgaben des «Motu Proprio» von Pius X wurde diese Praxis aber bekämpft. 1915 wurde eine «Verordnung über sakrale Musik der Kirchenprovinzen Rio de Janeiro, Mariana, São Paulo, Cuiabá und Porto Alegre» erlassen, die neben verschiedenen Empfehlungen auch einige Verbote festlegte, u. a.:

  • Das Singen in der Volkssprache
  • Das Spielen von profaner Musik
  • Die Benutzung «ungeeigneter Instrumente»

Zurückhaltendes Orgelspiel war erlaubt, wo die Orgel fehlte, konnte das Harmonium als Ersatz dienen.

Trotzdem wanderten im Laufe der Jahre weitere Orgelbauer aus Europa ein. Sie lernten ihr Handwerk in den grossen Werkstätten von Sauer, Walcker, Balbiani etc. Um Kosten und Zeit zu sparen, importierten sie industriell hergestellte Metallpfeifen und Zungen z. B. von der Orgelfabrik Laukhuff. In Brasilien fertigten sie hauptsächlich die Holzteile, oft aus einheimischem Zedernholz oder Zimtbaumholz.

Bis in die 1960er Jahre wurden auch viele komplette Orgeln importiert. Dank einer offeneren Einfuhrpolitik mit Zollbefreiungen für religiöse Organisationen konnten viele Kirchen in dieser Zeit ihre Instrumente günstig einführen, meistens aus Deutschland und Italien. Walcker baute viele Orgeln in Sao Paulo und Rio de Janeiro, die grösste befindet sich im Kloster von São Bento de São Paulo (1954). Balbiani baute ebenfalls 1954 die grösste Orgel des Landes in der Kathedrale von São Paulo.

Trotz reger Orgelbautätigkeiten blieb die Zahl der Orgeln gemessen an der Grösse Brasiliens gering. In São Paulo wurden Anfangs der 1960-er Jahre etwa 60 Orgeln gezählt, also stand in den meisten Kirchen der Millionenstadt keine Pfeifenorgel.